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Meine Woche im Silicon Valley

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Wegweißer am Flughafen San Francisco

Eines gleich mal vorweg: Das Tal ist eigentlich kein richtiges Tal – jedenfalls nicht so, wie sich ein Mitteleuropäer das vorstellt. Die Firmen verteilen sich über mehrere – mittlerweile zusammenhängende – Ortschaften (u. a. Palo Alto, Cupertino, San José, Mountain View, Sunnyvale oder Santa Clara) zwischen der San Francisco Bay und dem Pazifik. Seinen Namen verdankt es den Hügelketten links und rechts der Bay. Und auch ist es nicht so, dass ein Tech-Konzern neben dem anderen aus dem Boden wächst. Zwischen den Technologieparks gibt es noch genug Brachland, viele Hotels, noch mehr Restaurants, weniger Shops und einige Wohnungen. In Richtung San Francisco ändert sich dieses Verhältnis zugunsten Malls und Wohnparks.

Die Entfernungen sind für deutsche Verhältnisse enorm. Um euch einen Anhaltspunkt zu geben: mein Hotel in Santa Clara war 50km entfernt vom Flughafen (SFO). Über einen der Expressways dauerte die Fahrt nur eine halbe Stunde – das ist schneller als von meinem Büro in die nächste Stadt, die nur halb so weit entfernt ist. Allerdings ist das auch erst seit Beginn der Pandemie so. Eine Erklärung folgt ein paar Absätze weiter unten.

Ein öffentlicher Nahverkehr (Busse, Zug) ist zwar vorhanden, aber eher unpraktisch. Einen Verkehrsverbund, wie wir das z. B. im Ruhrgebiet kennen, gibt es hier nicht. Bevorzugte Fortbewegungsmittel sind Autos, aber auch das Fahrrad. Übrigens waren alle Fahrräder, die mir begegnetet sind mit zwei-drei Ausnahme nicht elektrisch. Scooter hab ich auch nur zwei in der ganzen Woche in Aktion gesehen. Und gerade einmal entdeckte ich ein trauriges Grüppchen von fünf Leihscootern, die aber einen eher nicht so begehrenswerten Eindruck erweckten.

Auch Elektro-Autos hab ich wenige gesehen. Das war überraschend, weil mein Fahrer mir am ersten Tag von der hohen EV-Dichte erzählt hat. Auf den Straßen begegnet sind mir einige Pickups, weniger Teslas als im Chiemgau, vereinzelt Luxuswägen, viele Großraum-Limousinen und Horden von Hondas. Das ist insofern umso erstaunlicher, da auch hier mittlerweile der Sprit mit +/- 1,20 USD pro Liter fast so teuer ist wie in Deutschland.

Schiffsstau in der San Francisco Bay

Supply Chain Advantage

Schon beim Anflug auf SFO fielen mir ein paar träge im Pazifik herumlungernde Schiffe auf. Beim Spaziergang durch Burlingame entdeckte ich dann noch eine Schlange Containerschiffe in der Bay. Auch wenn es in San Francisco nicht mehr so dramatisch ist – vor Weihnachten stauten sich hier noch an die 100 Schiffe – sind die Lieferketten alles andere als safe. Die Schiffsstaus sind auf einem neuen Allzeithoch. Die Auswirkungen sind immens. So lange die Container auf den Schiffen sind, fehlen sie woanders für’s Beladen. Fabriken werden ihre Ware nicht los oder können gar nicht erst nicht produzieren, weil die Zulieferer im Stau stehen. Das wiederum beeinträchtigt den Arbeitsmarkt. Ganz zu schweigen von der Bedrohung für die Unternehmen selbst. Nicht alle haben nach zwei Jahren Pandemie noch das Kapital, länger durchzuhalten. In San Francisco indes steht man vor ganz anderen Herausforderungen.

Wo sind all die Menschen hin, wo sind sie geblieben

Great America Parkway, Montag Nachmittag, Werktag
Leerstehender Campus am Mission College Boulevard

So viel auf dem Wasser los ist, so wenig ist derzeit los auf den Straßen zwischen San Francisco und San José. Dazu fiel mir auf, dass überall Firmenschilder fehlen und Gebäude leer stehen. Woran das liegt, erklärte mir Tom von der Gestalt IT: “In San Francisco und Umgebung sind die Mieten wahnsinnig hoch. Mit Beginn der Pandemie erkannten die Leute, dass sie woanders billiger leben und genauso gut arbeiten können. Seitdem haben viele Unternehmen ihre Sitze im Valley aufgegeben. Einige der Gebäude stehen zum allerersten Mal seit ihrem Bau leer – und können endlich mal renoviert werden.”

Tom erzählte mir auch, dass die Firmen im Silicon Valley eine Gehaltsklasse speziell für San Francisco haben. Interessant wurde es, als die Mitarbeiter ins Landesinnere zogen und die Unternehmen die hohen Gehälter nicht weiterzahlen wollten. Einen Eindruck über das Preisgefüge bekommt man bei der Diskussion um Mindestgehälter. Der gesetzliche Mindestlohn in Amerika ist 7,25 USD pro Stunde. Tatsächlich variiert dieses Gehalt von Bundesstaat zu Bundesstaat. Durchschnittlich liegt es bei 11,80 USD. Die Biden-Regierung hat für Staatsbedienstete ein Mindestgehalt von 15 Dollar durchgesetzt. In einer Filiale von InNOut Burger in Santa Clara haben wir eine Stellenanzeige mit 19 USD pro Stunde gesehen.

Es ist nicht alles Tech, was glänzt

Schon auf der Fahrt vom Airport zum Hotel fielen mir die vielen freien Flächen auf. Auch in Santa Clara entdeckte ich immer wieder viel Brachland zwischen den einzelnen Technologieparks.

Blick auf die Gebäude von KPMG und Bitdefender (beide im Hintergrund)
Das Headquarter von Arista
Netskope, AMD und Hitachi
Strommasten

Das Silicon Valley ist historisch gewachsen. Es gibt viel Altes neben noch mehr Neuem. Nagelneue Parkanlagen und Wege integrieren sich nahtlos in die gewachsene Struktur aus den 1980ern. Teilweise sind auch noch die Ursprünge aus den 1940ern zu erkennen. Die Stromversorgung scheint vielerorts sogar noch original aus dieser Zeit zu stammen. Eine große Rolle bei der Entstehung des Valleys spielte das Militär. Das ist heute noch erkennbar an Moffett Field und NASA Research Center oder Lockheed Martin zwischen Golfplatz, Yahoo, Amazon, Facebook und Juniper. Nichts spiegelt den Wandel der Region wohl besser wider als dieses Konglomerat von Unternehmen, die wahllos einer Technologie-Zeitreise entfallen zu sein scheinen. Die Brachflächen zeigen, dass es noch immer Raum für weiteres Wachstum gibt.

Great America von hinten

Neben den vielen Grünflächen fand ich auf meinem Spaziergang entlang des San Tomas Aquino Creek Trail außerdem noch zwei weitere bemerkenswerte Objekte. Über eine große Wegstrecke blitzten immer mal wieder Achterbahnen und Wasserrutschen aus dem Gebüsch.

Auf dem Rückweg über Tasman Drive und Great America Parkway war meine Überraschung groß, dass ich die ganze Zeit auf der Rückseite vom Great America Vergnügungspark entlang gelaufen war. Der ca. 45 Hektar große Park beherbergt mit dem Gold Striker eine der größten Holzachterbahnen der Welt und spielte u. a. eine Rolle in Beverly Hills Cop III. 45 Hektar entsprechen ungefähr 63 durchschnittlichen Fußballfeldern.

Und dann lief ich auf dem Hinweg schon auf ein großes Objekt zu, das sich recht schnell als Stadion entpuppte. Groß war meine Überraschung, als ich vor der Heimat der berühmten 49ers stand. Ich hab zwar keine Ahnung von Sport – aber von denen hatte selbst ich schon gehört!

Levi’s Stadium in Santa Clara – Home of the 49ers

Lustig ist, dass das Stadion der San Francisco 49ers in Santa Clara steht. Möglicherweise hat das auch einige Technologie-Firmen inspiriert, es mit den Orten nicht so genau zu nehmen. Denn auch Palo Alto Networks hat den Ort in seinem Namen nie gesehen und wohnt seit der Gründung in Santa Clara. Das Headquarter des Erfinders der Next Generation Firewall war übrigens vis-a-vis von meinem Hotel. Den Campus teilt sich das Unternehmen mit Aruba. Über Letzte haben wir schon berichtet.

Links Aruba, rechts Palo Alto. Eingang zum Campus.

Und damit sind wir wieder beim eigentlichen Grund meines Besuches im Valley.

Maskottchen

Schließlich war ich nicht hier, um mir die Schiffe und Grünflächen anzuschauen. Als Delegate war ich zum ersten Mal zu einem In-Person-Event der Tech Field Days eingeladen: dem Networking Field Day 27 (NFD27). Bei dieser Veranstaltungsreihe präsentieren sich verschiedene Firmen einem Dutzend Delegates aus der ganzen Welt. Früher fanden alle Field Days im Valley statt. Während der Pandemie ging es nur noch remote. Langsam kommt man zum alten Format zurück.

Beim NFD27 waren wir drei Delegates vor Ort. Die Vorträge begannen jeweils morgens um 8:00 Uhr. Jetlag kenne ich nicht. Aber mit der Uhrzeit hatte ich als Eule echt ein Problem. Zum Glück waren alle Präsentationen (mit ein oder zwei kleinen Ausnahmen) so spannend, dass ich trotzdem wach blieb. Zu den Highlights zählten selbstverständlich Juniper Networks, aber auch weniger bekannte oder neue Firmen wie ZPE Systems, ZeroTier oder Forward Networks.

Forward Networks hat uns dann auch eingeladen, sie in ihrem Headquarter zu besuchen. Dort war es dann auch ein bisschen so, wie ich mir das Silicon Valley aus der gleichnamigen HBO-Serie vorgestellt habe: viel Platz, Maskottchen, jede Menge Awards, aber auch moderne, cleane Arbeitsplätze. Hier hatte ich auch die Chance, mit Brandon Heller zu sprechen. Brandon ist Co-Founder und CTO von Forward Networks und nicht ursprünglich aus San Francisco. Auf meine Frage, ob er mit dem Plan herkam, CEO oder CTO eines Tech-Startups zu werden, antwortete Brandon: “Als ich nach San Francisco kam, habe ich erstmal gemacht, was alle machen: Ich war surfen. Am Strand waren neben mir zwei andere Surfer, die sich über die Gründung einer Firma unterhalten haben. Ich hab mich dazu gesetzt und mit denen geredet. So ging es los.”

Einiges hat sich also nicht geändert im Vergleich zu den Anfängen im Silicon Valley. Und trotzdem ist alles anders.

v.l.n.r. Craig Johnson (Forward Networks), Kerstin Mende-Stief (data://disrupted®), Ed Weadon (Field Day Delegate), Corey Dirrig (Gestalt IT), Tom Hollingsworth (Gestalt IT), Stephen Foskett (Gestalt IT), Carl Fugate (Field Day Delegate), Kevin Kuhls (Forward Networks)

Alle Vorträge vom NFD27 gibt es auf YouTube.

Burger & French Fries
Burger und French Fries in der Faultline Brewing Company

American Lifestyle

Selbstverständlich gab es auch ausreichend zu Essen während meiner Woche in Santa Clara. Und wie sich das gehört, gab es natürlich auch Burger. Besonders überrascht hat mich die Vielzahl IPAs und Craft Beers. In einem der von uns besuchten Restaurant gab es allein 42 IPAs on Tap, alle regional. Ein anderes, die Faultline Brewing Company, braut selbst und hatte eine interessante Technik für die Burger-Komposition.

Ansonsten gibt es in San Francisco und Umgebung so ziemlich jede Küche aus allen Ländern der Welt, die man sich vorstellen kann, inkl. russisch, kantonesisch und vietnamesisch, jede Menge Fast Food und geographisch naheliegend viel mexikanisch. Als Kontrastprogramm zu den Burgern gibt es auch viel Vegetarisches und sogar Veganes. Damit erfüllt sich dann doch nochmal ein Klischee der Region.

Fazit

Insgesamt war mein Ausflug zwar interessant, aber auch sehr ernüchternd. Die Infrastruktur ist zum Teil so marode, dass man sich fragt, ob Bidens Billiarden-schweres Budget überhaupt ausreichen wird. Klischees treffen auf Amerika im Allgemeinen (Pickups, Burger, Malls) zu, aber das Silicon Valley ist völlig anders. Würde ich wiederkommen? Auf jeden Fall! Solltet ihr es einmal selbst sehen? Es schadet nicht.

networ-king
Ein bisschen ist es doch so wie in der HBO-Serie 😉
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