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Mother Russia

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Relativ direkt vor meiner Haustür ist ein Krieg ausgebrochen. Ein Krieg mit Panzern, Raketen, Toten, Luftschutzbunkern und Menschen in Angst. Ich lebe in Europa. Es ist nicht der erste Krieg, der in meiner Nachbarschaft statt findet. Von 1991 bis 2001 kämpften auf dem Balkan die vormals vereinten Slawen um ihre Unabhängigkeit, hauptsächlich die Unabhängigkeit voneinander.

Traurige Berühmtheit genießen hierzulande vor allem der Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 und den Kosovo-Krieg 1998/99. Und jetzt, 20 Jahre später, bekämpfen sich wieder Völker einer vormals geeinten Nation.

Karussel in Mostar
Karussel in Mostar, fotografiert 2017

Dieser Krieg ist anders. Das ist kein Bürgerkrieg. Hier will eine Nation eine andere in die Knie zwingen, mit aller Gewalt, und schreckt vor nichts zurück. Die Aggression, mit der hier ein Land auf ein anderes losgeht, führt zu noch mehr Aggression. Ich habe Angst vor dem, wozu Menschen fähig sind.

Ich war vor vielen Jahren sowohl in der Ukraine als auch in einem Teil von Russland. Dieser Artikel ist nicht nur meine Art, mit der Situation umzugehen. Ich suche, wie viele andere nach einer Erklärung. Und trotz all dem Leid, was über Nacht über die Ukraine, über uns, über Europa herein brach, muß es ja irgendwie weitergehen. Auch das möchte ich mit diesem Artikel erreichen. Setzt euch mit der Situation auseinander. Aber bitte verfallt nicht in Schockstarre oder verliert euch in eurem Hass. Lebt weiter. Arbeitet weiter. Normalität beruhigt. Und irgendwann muss dieser Alptraum ja auch wieder vorbei sein. Vielleicht hilft Euch mein Artikel ein bisschen bei der Bewältigung des ganzen.

Fast wia im richtigen Leben

Wie vor 30 Jahren in Jugoslawien geht heute am östlichen Rand Europas aufeinander los, was sich vor einem Jahrhundert freiwillig und friedlich vereinte. Es ist wie wie so oft mit den Menschen. Erst verliebt man sich. Dann heiratet man. Manchmal sind es Vernunftehen, manchmal ist es richtige Liebe. Nach ein paar Jahren ist der Lack ab und die Pest ist noch das netteste, was man dem jeweils anderen wünscht. Es wird bis auf’s Blut gekämpft. Auch ich hatte gescheiterte Beziehungen. Aber irgendwie haben wir es immer friedlich geschafft, uns zu trennen, und können uns heute noch in Augen blicken. Was also ist los mit euch da draußen? Warum könnt ihr nicht einfach loslassen? Dinge verändern sich nun mal. Menschen begegnen sich, gehen vielleicht ein Stück des Weges gemeinsam und irgendwann eben nicht mehr. Das ist doch nicht schlimm!?

Alles nur geklaut.

ich habe Respekt vor anderen Kulturen. Was ich nicht kenne, möchte ich lernen zu verstehen. Auf meinen Reisen verlasse ich absichtlich die ausgetretenen Touristenpfade und gehe dorthin, wo auch die Einheimischen ihr Bier trinken oder sich mit Freunden treffen. Das habe ich schon immer getan. Vor 40 Jahren in Kiew und Sotschi, und heute noch viel bewußter überall, wo es mich hin verschlägt.

Bevor es wieder persönlicher wird und ich erzähle, wie ich die Ukraine und Russland erlebt habe, muß ich euch zunächst mit etwas Wikipedia-Wissen langweilen. Aber das ist wichtig, um auch nur ansatzweise zu verstehen, was da gerade passiert. Russland und die Staaten der Sowjetunion lassen sich nicht mit europäischen Maßstäben messen. Und natürlich gibt es da auch noch die russische Seele, die man weder beschreiben kann noch läßt sie sich beherrschen.

Russland hat über 144 Mio. Einwohner auf einer Fläche von derzeit 17 Mio. Quadratkilometern. In der Sowjetunion – oder offiziell Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, UdSSR – lebten bis zu deren Ende 290 Millionen Menschen auf 22,5 Mio. Quadratkilometern. Die größte der Sowjetrepubliken – Kasachstan – misst knapp 2,8 Millionen Quadratkilometer. Auf Platz drei ist bereits die Ukraine, gefolgt von Turkmenistan und Usbekistan mit je knapp einer halben Million Quadratkilometer. Belarus ist nur noch halb so groß wie die beiden Länder nördlich des Tian Shan. Bis vor kurzem lebten in der Ukrainischen Republik noch mehr als 40 Millionen Menschen – auf über einer halben Million Quadratkilometer. 

Im Internet kursieren seit geraumer Zeit verschiedene Zahlen. Mal mit, mal ohne Krim. Oder wahlweise in- oder exklusive des Donez-Beckens. Als Staat ist die 1917 gegründete Ukraine vergleichsweise jung. Zuvor war das an Bodenschätzen und fruchtbarer Erde reiche – und begehrenswerte – Land Spielball von Polen und dem Großfürstentum Moskau. Groß galt für letzte wahrlich auch für die Fläche. Bereits 1922 vereinten sich Ukraine, Weißrussland und die Transkaukasischen Republiken mit Sowjetrussland zur Sowjetunion. Um so tragischer erscheinen da die aktuellen Ereignisse. Eine mögliche Erklärung ist die vermeintliche Einseitigkeit, in der das Bündnis 1991 zerbröckelte. Ginge es nach Mutter Russland, sollten die Kirschen des alten Bündnisses doch bitte weiter in den eigenen Garten fallen.

Übrigens wußtet ihr, dass die Ukraine im Oktober 1945 zu den Gründungsmitgliedern der UN zählte?

Wieder holen ist gestohlen!

Nach dem 2. Weltkrieg schlossen sich noch Teile des Baltikums an die UdSSR an und es gab ein paar weitere Landverschiebungen, vor allem im Osten. Die Krim – und hier wird’s das erste Mal interessant – wurde 1954 dem Gebiet der Ukraine zugeschrieben – von Russland. Vor diesem Hintergrund erscheint die Annektierung der Halbinsel 2014 durch Väterchen Zar, pardon Putin, doppelt sarkastisch.

Was das Donez-Becken angeht, nun ja, da mögen sich die Geister scheiden. So richtig zur Ukraine hat es eigentlich nie gehören wollen. Und dass die vor allem an Steinkohle reiche Region schon immer ein begehrter und Zank-Apfel war, spielt sicher auch eine Rolle in der Geschichte der Region. Das Gebiet wurde früher auch das Herz Russlands genannt. Die Bezeichnung stammt – nicht weiter verwunderlich – aus der Ära der Industrialisierung.

это лампа.

Mit Russland – und für mich war das lange gleichbedeutend mit Sowjetunion – verbindet mich eine Art Hassliebe. Aufgewachsen in den 70er und 80er Jahren der DDR habe ich das gesamte Spektrum von Russisch-Unterricht über angewiesene Mitgliedschaft in der deutsch-sowjetischen Freundschaft bis Zwangsdemos für den Frieden und bombastischer Militärparaden bewußt miterlebt. Die pompösen Aufmärsche damals unterschieden sich in nichts von denen, die wir heute in Moskau sehen. Wahrscheinlich ist auch ein Großteil des Kaders noch derselbe. Anders läßt sich auch das, was aktuell passiert, kaum erklären.

Bis in die frühen 1980er kannte ich Russland, bzw. die Sowjetunion nur aus Märchen, den (im Nachhinein zugegeben sehr einseitigen) Geschichtsstunden, raren Begegnungen mit russischen Soldaten in freier Wildbahn, dem Staatsbürgerkunde-Unterricht und Erzählungen meiner Russisch-Lehrerin. Die war übrigens die einzige, die neben Faszination für das Land auch ein bisschen Liebe für den großen Bruder in mir wecken konnte. Danke, Frau Albrecht. Für die schier endlosen Wiederholungen von это лампа bin ich weniger dankbar – und ich bitte die Lampe im Klassenzimmer der Wladimir-Komarow-Oberschule in Schwarzheide-Ost aufrichtig um Entschuldigung für die andauernde eintönige Belästigung.

Berlin-Kiew-Minsk-Brest-Berlin und zweimal Sotschi

Дружба!

Das erste Mal besuchte ich die Sowjetunion als 14-jährige. Die Reise schenkten mir meine Eltern und ich war mächtig aufgeregt, als es mal nicht mit dem Trabi zum Zelten nach Böhmen ging. Statt dessen fuhren wir mit dem Zug nach Kiew. Damals brauchten wir für die ca. 1300 km zwei Tage, inkl. Spurwechsel an der polnisch-sowjetischen Grenze. Der Zug war ein russisches Modell mit obligatorischem Samowar zwischen jedem zweiten Waggon und чай-verteilender бабушка. In den mir damals endlos erscheinenden Wäldern entlang der Strecke lag noch das ein oder andere Panzerwrack aus einem Weltkrieg im Gestrüpp. Sonst war die Reise wenig aufregend. Auch für die Sehenswürdigkeiten in Kiew hatte ich damals wenig übrig. Viel interessanter fand ich die Kwas ausschenkenden Güllewägen am Straßenrand und natürlich das Kiewer Nachtleben. Dass die Bevölkerung unter dem sozialistischen Regime die Militärparaden mit ihrem Brot bezahlen musste, erfuhr ich erst später. Damals wunderte ich mich nur über die Militäreskorte, die mir und meiner Freundin nach Verlassen des Hotelkomplexes folgte. Jahre später erfuhr ich, das war zu unserem Schutz. Für die sowjetischen Bürger galt selbst das demokratisch-gebeutelte Brudervolk östlich der Mauer als reich. Wir konnten dennoch entwischen und lernten einen netten jungen Ukrainer kennen, der uns in eine lokale Disko mitnahm. Aus heutiger Sicht würde man es eher Tanzkurs nennen. Jungs und Mädels saßen brav wie an einer Perlenschnur aufgefädelt auf je einer Seite des Saales. Natürlich wurde nur nach Aufforderung getanzt. Manches Mädchen saß den ganzen Abend über an ihrem Platz. Der junge Mann kümmerte sich übrigens rührend um uns und brachte uns auch anständig wieder ins Hotel zurück. Diese Art russische Freundschaft begegnete mir später in Sotschi noch einmal. Und beide Male konnte ich den Stolz der jungen Männer und Frauen auf ihre Heimat, auf ihre Nationalität, ihre Stadt und auf ihr Land fast körperlich spüren. So etwas habe ich später nur noch einmal in Laos erlebt.

In Kiew lernte ich vor allem zwei Dinge: Mit это лампа kommt man in Russland nicht weit. Und Ukrainer sprechen ukrainisch. Nicht russisch. Das fiel mir als erstes an der Schrift auf, in dessen kyrillische Buchstabenwelt sich hartnäckig lateinische i verirrten.

Meine nachhaltigste Erinnerung an Kiew ist übrigens sein Stadion. Das gehört noch heute zu den 100 größten Stadien der Welt. Beeindruckt hat es mich mit seiner Akustik, neben der jedes Amphitheater vor Neid erblasst.

Die nächsten beiden Stationen der Reise waren Minsk und Brest. An Minsk erinnere ich mich vor allem an eine Stadt wie von einem Reißbrett. Wir waren nur wegen der naheliegenden Gedenkstätte Trostinez dort. Der Obelisk hat sich ebenfalls tief in meine Erinnerung gebrannt – inkl. der Information zu den Massenmorden kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges.

Um so erstaunlicher ist die Position Weißrusslands im aktuellen Konflikt. Sie müssten’s eigentlich besser wissen. Aber mit den Lehren aus der Geschichte ist das wohl so eine Sache – das hat noch nie funktioniert.

Letzte Station der Reise war Brest. Bilder der Festung sind noch heute in meinem Kopf – die Fakten habe ich vergessen. Gehirnwäsche mochte ich damals schon nicht, egal in welcher Form.

Kurz vor dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik war ich dann noch zweimal in Sotschi am Schwarzen Meer. Eine wunderschöne Stadt, die jedoch wahrscheinlich so gar nichts mit der wirklichen Sowjetunion gemein hatte. Es war eher so ein Nizza oder Saint Tropez des Ostens. Ein kleiner Blick hinter die Kulissen gelang mir trotzdem. Wieder war es ein Einheimischer, der mir das andere Sotschi zeigte. Hier begegnete ich auch zum ersten Mal der russischen Seele. Doch zunächst geht’s nach Georgien.

Scharia im Sozialismus?

Georgien war für mich in mehreren Bereichen ein Schock. Und dabei waren die Toiletten noch die geringste Herausforderung. Positiv in meiner Erinnerung ist eine alte Frau, an deren Garten unsere Reisegruppe auf dem Weg ins Restaurant vorbeilief. Im Garten standen ein paar Mandarinenbäumchen. Das Großmütterchen, das wahrscheinlich selbst kaum was zu essen hatte, erlaubte uns trotzdem, ein paar der Früchte als Wegzehrung zu pflücken. Nach dem Essen gab es ein paar Stunden zur freien Verfügung in einer nahegelegenen Stadt. Die Warnungen der Reiseleitung werde ich nie vergessen: Frauen sollten nur in Gruppen oder männlicher Begleitung gehen. Männer sollten keine einheimischen Frauen ansprechen. Frauen sollten sich bedecken, es wurden sogar Kopftücher empfohlen. Als Untermalung der Ermahnung an die Männer fiel das Wort Blutrache – sollten sie doch eine Einheimische ansprechen und sie danach nicht heiraten wollen. Außerdem wurde uns sehr eindringlich empfohlen, auf dem Markt nicht die genannten Preise zu bezahlen. Es wurde erwartet zu feilschen.

Hier erfuhr ich das erste Mal, dass es auf der Welt noch andere religiöse Vertreter gibt als Sozialisten und Katholiken. Offenbar hatte man uns in der Hochburg der georgischen Islamisten ausgesetzt. Letztlich ging alles gut und keiner mußte jemanden heiraten, den er nicht wollte. Nur ein paar der Frauen hatten das mit dem Feilschen wohl nicht so gut raus und ärgerten sich über die Preise, die andere für den gleichen Artikel am Markt erzielten.

Ist das alles wichtig für die Geschichte? Irgendwie schon. Ich habe schon damals gelernt: Es gibt sie nicht, die eine Sowjetunion oder das eine Russland. So vielschichtig wie die Bevölkerungsgruppen sind auch die Mentalitäten, Kulturen oder Interessen. Die einen sind europäischer, die anderen asiatischer, manche arabischer orientiert. Das führte schon immer zu Konflikten bis hin zu Kriegen auf dem Gebiet der Sowjetunion.

Auch in Georgien gibt es Gebiete, die nur von Russland anerkannt sind. Die sorgen allerdings für weniger Furore als der Donbass – wahrscheinlich gibt es in Abchasien auch weniger Bodenschätze.

Masha und der Bär

Gibt es sie, die russische Seele? Ich denke schon. Eine solche Heimatverbundenheit, Gastfreundschaft und Solidarität wie in Russland oder der Ukraine habe ich bisher nirgendwo sonst auf der Welt gesehen. Das ist so tief verwurzelt in den Menschen. Und genau diese russische Seele ist es auch, was wir am aktuellen Konflikt nicht unterschätzen sollten. Nicht nur Putin ist in den Krieg gezogen. Mehr als Dreiviertel der Wähler wollten Putin. Fast die Hälfte aller wahlberechtigten Russen gingen an die Urne, in Ballungszentren wie Moskau sogar mehr als 70%. Oligarchen und Opposition sind eine – wenn auch wichtige, und nicht zu unterschätzende, aber dennoch – Minderheit. Für die meisten Russen ist Moskau sehr weit weg, auch ohne Zensur von Medien und Inhalten. Wir sollten nie vergessen, dass wir in Europa oft nur die Spitze eines Eisberges sehen und unsere Echokammern selten geeignete Reflektoren der ganzen Wahrheit sind.

Erfassen werden die Dimension und Funktionsweise des immer noch mächtigen russischen Reiches und seiner Einwohner als Europäer nicht. Auch werden wir uns schwer tun, die Motivation der Menschen der einstigen UdSSR zu verstehen. Mit unseren westlichen, oder gar europäischen Maßstäben werden wir es auf keinen Fall schaffen.

Auch war Russland, eigentlich Moskau, schon immer mehr oder weniger autark. Daran hat sich auch unter Putin nichts geändert. Die Rohstoffe des riesigen Areals Eurasiens sind für die Wirtschaft im Rest der Welt nicht ohne weiteres kompensierbar. Die ohnehin schon angeschlagenen Lieferketten sehen sich neuen und weitreichenden Belastungsproben ausgesetzt.  Es ist wie in der Telekommunikation. Auch wenn Du zu Vodafone gehst, ist die last mile zu deinem Haus möglicherweise doch von der Telekom. Wettbewerb auf einem Gebiet schließt Kooperation in einem anderen Sektor nicht aus. Die Welt der Wirtschaft und ihrer Beziehungen ist komplex. Viele Jahre Globalisierung lassen sich nicht über Nacht entflechten. Vor allem nicht, wenn diese Abhängigkeiten so einseitig sind wie die Europas derzeit noch in manchen Bereichen von Russland. Natürlich werden wir Wege und Mittel finden. Es gibt immer eine Alternative.

Allerdings nicht nur für uns. Das dürfen wir nicht vergessen. In einem chaotischen System wie der Welt mit all ihren Teilen und Beteiligten lässt sich nie exakt voraussagen, was am Ende wirklich passiert. Wenn Russland in einem stark ist, dann ist es Improvisation und alternative Wege und Lösungen finden. Und wie können wir sicher sein, dass das russische Volk die von uns kalkulierten Schlussforderungen ziehen wird und ihren Bären für das verantwortlich macht, was gerade passiert? Eines ist sicher. Wenn es um ihre Heimat geht, ist rational nicht das erste Wort, welches mir einfällt. Sind die Oligarchen stark genug und auch willens, auf einen Partner einzuwirken, mit dem sie eine “Leben-und-leben-lassen”-Vereinbarung getroffen haben? Wissen wir, was die tiefe Grundlage der Symbiose beider Seiten ist? Wie stark und vor allem wie lang ist die Einigkeit Europas? Wird Abramowitschows Yacht in drei Monaten wieder im Mittelmeer kreuzen, vor Brijuni rum dümpeln oder reicht’s dieses Jahr nur für Odessa oder Gagra am Schwarzen Meer?



Russland ist nicht Europa. Russland hat seine eigene Geschichte und eine ganz eigene Mentalität. Um Putin zu verstehen, muß man sich mit dem Land, seiner Kultur, der Mentalität und auch seiner Größe und Vielfalt, aber vor allem seiner Geschichte auseinander setzen. Dann wird’s auch auch gar nicht mehr so unberechenbar.

Mit Sicherheit hat Putin mit der Widerstandskraft der Ukrainer gerechnet. Sonst hätte er längst all sein Pulver gleich zu Beginn und auf einmal verschossen. Russland kennt die Motivation, welche die Gegenseite antreibt ganz genau. Nichts anderes als ihre Heimatverbundenheit hat Russland 1945 über Deutschland triumphieren lassen. Sie kämpften nicht für Stalin. Sie kämpften für sich, ihre Frauen, Mütter, Väter, Brüder und Schwestern und für ihre Heimat. Heute sind es die Ukrainer, die sich, ihre Frauen, Mütter, Väter, Brüder und Schwestern und ihr Land verteidigen.

Doch was ist das überhaupt: ihr Land. Ein Teil gehört jetzt zu Polen. Den wollen sie sicher nicht wieder haben. Der Donbass, der selbst nicht zur Ukraine gehören möchte? Die Krim, die sie erst vor ein paar Jahren geschenkt bekamen?

So schmerzlich der Prozess ist, aber kaum eine der Grenzen, die wir heute haben, entstand nicht in einem der zahlreiche Kriege Europas. Der erste Weltkrieg spielte Italien Südtirol zu. Das Elsass ist erst seit dem zweiten Weltkrieg fest in französischer Hand. Der Rupertiwinkel, in dem ich lebe, gehört ebenfalls erst seit 1948 fest zu Deutschland. Bis dahin wollten es die Österreicher gerne wiederhaben. Der damalige bayerische Ministerpräsident Hoegner gab sich ebenso kriegerisch wie heute die Ukrainer: „Wenn es sein muß, werden unsere bayerischen Bauern ihr Land mit Mistgabeln und Sensen verteidigen.“ Soweit kam es zum Glück damals nicht. Österreich hätte aber wohl sicher auch mit weniger weitreichenden Sanktionen rechnen müssen, hätten sie es drauf ankommen lassen.

Die Lage der Ukraine sorgt tatsächlich für wesentlich mehr Dramatik in diesem Krieg. In seiner langen Geschichte hatte Russland immer ein eher ambivalentes Verhältnis zu Europa. Die Abkehr der westlichen Vasallen und damit Schmälerung seines Einflussbereichs kann und wird es sich nicht ohne Kampf gefallen lassen. Der Verlust der baltischen Staaten war sicher eher zu verschmerzen, immerhin ist man mit Sankt Petersburg nach wie vor selbst Teil des Baltikums. Zudem hat(te) man ja noch Belarus und die Ukraine als Knautschzone zum Kern von EU und NATO. Wer konnte auch damit rechnen, dass ausgerechnet die Kornkammer Europas sich ihren westlichen Nachbarn näher fühlt als Mütterchen Russland? Und dann auch noch so vehement jeder Drohung widersteht?

Stolz in allen Ehren. Aber warum gibt man Putin nicht einfach sein Herz Russlands samt Krim zurück? Das schwarze Meer ist wahrlich groß genug für beide und auf welch tiefgreifende gemeinsame Geschichte blickt man denn schon zurück? Auf der anderen Seite kann sich Russland sicher sein, nicht durch noch mehr Raketen und NATO-Stützpunkte bedroht zu werden – selbst wenn die Ukraine Aufnahme in EU und NATO fände. Warum muss es immer so viel Leid und Krieg in unserer doch ach so zivilisierten Welt geben? 

Immerhin einer Welt, die beweist, dass sie wenn’s drauf ankommt zusammenhalten kann. Das macht Hoffnung. Zum allerersten Mal habe ich wirklich das Gefühl, Europäer zu sein. Nicht Sachse oder Bayer oder Deutscher, nicht West- oder Osteuropäer. Einfach nur Europäer. Und damit auch ein bisschen Ukrainer. Das ist ein gutes Gefühl. Ich hoffe, all die netten Russen und Ukrainer – vor allem die, die eine kleine Rolle in meinem Leben spielten – kommen heil aus der Sache wieder raus.

Bis dahin werde natürlich auch ich die Lage konsequent weiter verfolgen und hoffen, dass sich der Bär wieder beruhigt und auch Wolodymyr Selenskyj zu ein paar Zugeständnissen bereit ist.

Von Europa und dem Rest der Welt wünsche ich mir weiterhin so viel Solidarität und Einigkeit – auch ohne so tragische Auslöser. Ob die harten Sanktionen das bewirken, was sie sollen, wird sich zeigen. Ein wichtiges (und aktuell sicher auch richtiges) Zeichen sind sie allemal. Mit so einem Überfall, wie Russland ihn sich leistet, darf im 21. Jahrhundert niemand davonkommen!

Krieg gab es wahrlich schon genug auf diesem Planeten. Und wir haben wirklich wichtigere Herausforderungen zu lösen, als ein paar Grenzen zu verschieben. Lasst uns vernünftig denken und handeln. Lasst uns vor allem weiter so zusammenarbeiten, wie im Kampf um die Ukraine. Bleibt nett zueinander. Auf keinen Fall tragen Beleidigungen zur Deeskalation bei – egal wie sehr einer es verdient – und schon gar nicht pauschal einer ganzen Nation gegenüber. Das ist würdelos und zeigt eigentlich nur die eigene Menschenverachtung. Und so niedlich die Fähnchen in euren Profilbildern sind: sie halten keine Panzer auf und drehen sich so oft im Wind der jeweils neusten Katastrophe, dass eine aufrichtige Anteilnahme kaum noch glaubwürdig scheint. Besser ist es, konkret zu helfen: Auf dieser Website könnt ihr Unterkünfte anbieten, auf dieser sogar speziell für LGBTQ+. Diese Website koordiniert konkrete Hilfsangebote, z. B. bei Behördengängen oder mit Übersetzungen. Das sind nur einige der Möglichkeiten.

мир!

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